Mittwoch, 2. November 2016

"Willst du eigentlich Stillen?"

Diese Frage habe ich in der Schwangerschaft nie gehört. Alle gingen automatisch davon aus, dass ich Stillen werde.

Ich habe mich zurück gezogen. Habe auf Ratschläge und Propheizungen nicht mehr reagiert. Ich wußte auch ehrlich gesagt nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte Angst vor Verurteilung. Angst, dass jemand sagen könnte, dass ich nicht das Beste für mein Baby möchte.

Ich habe diesen Artikel mehrfach angefangen und doch wieder gelöscht. Manchmal war ich traurig, manchmal war ich wütend. Wütend sollte ich aber auf mich sein. ICH habe diese Entscheidung getroffen und darum sollte ich auch dazu stehen.

Natürlich waren die "Warte nur" Sätze wirklich nervig. Niemand hat es böse gemeint, aber ich konnte sie irgendwann nicht mehr hören.
  • Warte nur bis du stillst. Da werden die Brüste noch größer!
  • Warte nur bis du stillst. Da bekommst du Hängebrüste!
  • Warte nur bis du stillst. Da hast du Schmerzen. Du musst durchhalten! 
  • ...
Aber wirklich keiner dieser Sätze hat meine Entscheidung beeinflusst. Warum ich mich gegen das Stillen entschieden habe, hatte andere Gründe. Ich nehme auch keinem Übel, dass er diese Sachen gesagt hat. Hey, ich mag es wenn man nichts schön redet und immer ehrlich ist. Ich mag es zwar nicht, wenn man mir Dinge prophezeit, aber wenn man sagt, wie es bei einem selbst war oder man es selbst wahrgenommen hat, dann finde ich das super. Ich bewege mich nun seit c.a 5 Jahren in der Mama Blogger Szene. Ich habe viele Dinge gelesen über Geburt, Anschaffungen, Schlafmangel (kann man erst beurteilen, wenn man alle 2h aus dem Schlaf gerissen wird) und noch vielem mehr. Ich habe dadurch viel gelernt und bin nicht blauäugig in eine Schwangerschaft gegangen. Das mit dem Schlafmangel erwähnte ich schon? Kann echt niemand beurteilen, der es nicht mitgemacht hat. Diese Müdigkeit bewegt sich auf einem anderen Level.
Worauf ich übrigens nicht richtig vorbereitet war, was das Wochenbett. Die Berichte, die ich lass, haben mich nicht auf die Wunden, die Schmerzen, den verlorene Beckenboden vorbereitet. Ich drifte ab.

Warum stille ich nun also nicht?
Stillen bedeutet, dass man rund um die Uhr für sein Kind da ist. Da sein MUSS. Frau ernährt es alleine. Dieser hilflose kleine Wurm wäre also von mir abhängig. Ich MUSS da sein. Sei es, dass ich Stille oder aber auch die Milch abpumpe. Ich bin verantwortlich. Als ich dann schwanger wurde, war nichts so, wie ich es mir vorstellte. Ich fühlte mich alleine mit mir. Körperlich ging es mir schlecht, aber auch seelisch. Ich hatte auf einmal so viel Verantwortung. Verantwortung für einen kleinen Menschen in mir. Ich fühlte mich überfordert. Hilflos. Ich wollte diese Verantwortung nach der Geburt teilen. Ich wollte die Zeit mit meinem Baby genießen. WOLLTE für es da sein. Kurz gesagt, ich stille nicht, weil ich den Druck nicht standgehalten hätte. Ich weiß einfach, dass Stillen nicht immer schön ist. Gerade am Anfang. Wunde B.ustwarzen, der Milcheinschuß, die Sorge, ob das Baby zunimmt ... . Ich wußte, dass wenn ich nicht zu 100% dahinter stehe, ich unsere Anfangszeit vielleicht sehr unschön gestalte. Ich wußte zu dem Zeitpunkt nicht, wie es mir im Wochenbett geht. Ich wußte noch nicht, was für Verletzungen ich haben werden. Gott sei dank! Aber gerade das hätte ich auch nicht geschafft. Es wäre zu viel gewesen. Aber das wußte ich wie gesagt nicht, als ich mich entschied. Ich wußte, aufgrund von meiner Vorgeschichte, dass ich stark mit einer Wochenbettdepression zu rechnen hatte. Ich wollte also Verantwortung teilen.

Warum fällt es mir nun so schwer dazu zu stehen?
Weil ich weiß, dass Muttermilch das beste für mein Baby wäre. Ich habe ihm bewußt etwas sehr Wertvolles vorenthalten und gerade im Internet wird man dafür gerne mal gesteinigt. Zu schnell wird einem gesagt, dass man den einfachen Weg wählt. (Meiner Meinung nach ist Flasche geben nicht der einfache Weg) Oder dass man seinen Körper dafür nicht hergeben möchte. (Es wäre jetzt falsch zu behaupten, dass ich mir nicht Sorgen um meinen Körper gemacht hätte. Das habe ich. Weder Figur noch Streifen sind mir egal gewesen.)
 
Ich habe im Krankenhaus die Vormilch gegeben. Es stand für mich immer fest, dass ich danach entscheide. Ich habe mein Baby also angelegt und es klappte sofort. Wir waren ein gutes Team. Ich streichelte ihren Kopf und küsste sie. Es vergingen Stunden (Dass ich mir soviel Zeit lies, fanden die Schwestern übrigens nicht so toll). Sie döste dabei weg, dann zog sie wieder. Ich genoß es. Ich versuchte jeden Moment aufzusaugen. Denn ich wußte, das kann ich nicht. Ich kann das nicht für die nächsten Monate.
Ich erklärte es meiner Tochter und hoffe, dass sie es versteht.


Stehe ich zu meiner Entscheidung?
Ja das tue ich. Natürlich habe ich Momente in denen ich denke, dass ich jetzt schon schön wäre zu Stillen. Ich gehöre wohl zu den Menschen, die Mütter dabei beaobachten. Oder zumindest gucken. Ich finde Stillen einfach wunderbar.
Ich habe diese Entscheidung egoistisch beschlossen. Ich wollte, die Zeit mit meiner Tochter genießen und weiß, dass ich sie unter Druck nicht so hätte genießen können, wie ich es gerade tue. Das ist eine ganz persönliche Entscheidung und ich hoffe dennoch, dafür nicht verurteilt zu werden. Ganz besonders nicht von meinem Kind

Kommentare:

  1. Ich stille nun seit einer beachtlichen Anzahl von Jahren und kann dir versichern, da gibt es kein Richtig und Falsch. Ich stille manchmal sehr gerne und manchmal nervt es mich ungemein. Ich habe nie versucht voll zu stillen, aber doch haben sich die Kinder phasenweise dafür entschieden und mir war das gar nicht recht. Stillen geht an die Substanz. Es ist zehrend.

    Außerdem denke ich, Muttermilch ist nicht das beste für ein Baby. Das beste für ein Baby sind Eltern, denen es gut geht, gesundheitlich und psychisch, Eltern, die dieses Kinderding gemeinsam stemmen und Eltern, die sich für das Kind interessieren. Mit Muttermilch hat das recht wenig zu tun.
    Ich finde am Vollstillen sogar sehr schädlich, dass Kind und Mutter aneinander geklebt werden und die Mutter immerzu herhalten muss, auch in der Nacht.
    Stillen ist manchmal schön und geschickt. Flasche ist auch manchmal schön und geschickt. Schade finde ich, dass man die Frauen nicht grundsätzlich darauf hinweist, dass beides auch in Kombination möglich ist. Wenn man nicht zu viel stillt, muss man auch nicht zwischendurch abpumpen. Warum das den Frauen nicht offeriert wird, bleibt mir ein Rätsel.
    Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass man z.B. Koliken wunderbar entgegenwirken kann, wenn man Flaschenmilch mit Probiotika am Anfang gibt, denn so wird die Darmflora in viel kürzerer Zeit mit der idealen Besiedlung aufgebaut. Mit purem Stillen dauert das Monate und man eventuell Bakterienstämme dabei, die nicht so hilfreich sind. Man muss natürlich die richtige Milch wählen, aber möglich ist das ja auch.

    Generell könnt ich schreien bei dem Thema, weil ich es sooo wahnsinnig blöd finde, wenn man Frauen erzählt, sie hätten nur die Möglichkeit das Eine oder das Andere zu tun, wo man viele Frauen entlasten würde, wenn sie je nach Situation das Geschickteste für sich wählen würden. Im Restaurant oder Straßenbahn Flasche, abends zum Einschlafen z.B. Stillen. Kein Stress, kein Druck, alle glücklich und zufrieden. Dann könnte man sich immer noch dafür entscheiden, Flasche oder Brust zur alleinigen Ernährung zu wählen, aber es wäre kein Druck mehr da, das 'Richtige' zu tun. Und man müsste nicht mehr solche Posts lesen, denn es wäre normal, würde eine Mutter einem Kind die Flasche geben. Man würde dann nämlich anerkennen, dass die Mutter - nicht das Kind - entschieden hat, WIE die Milch gefüttert hat und das Kind kann entscheiden WANN es die Milch will.

    Ich jedenfalls freue mich über jede Mutter, die ihre Zeit damit verbringt ihr Baby zu knuddeln, statt mit Grübeleien, ob sie jetzt was Falsch macht.

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    1. Danke sehr für deinen Kommentar. Ich weiß gar nicht genau, was ich dazu sagen könnte. Vielleicht muss ich auch einfach noch mal drüber nachdenken. Naja, also für mich ist es nun zu spät um nochmal über Stillen nachzudenken. Ich selbst war mir der Tatsache bewußt, dass beides in Kombination möglich ist. Als meine Freundin vor fast 5 Jahren entbunden hat, lag eine dreifach Mutter mit ihr auf dem Zimmer, die das genau so gehandhabt hat.Ich fand das, was sie mir damals erzählt hat, sehr logisch. Aber warum ich nicht jetzt nochmal drüber nachdachte, weiß ich nicht. Vielleicht weil zu viel Zeit vergangen ist und ich es vergessen habe. Aber es stimmt, dass mich auch keiner nochmal drauf aufmerksam machte. Weder meine Hebamme, noch die Schwestern.
      Ich weiß, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Wir sind alle drei sehr ausgeglichen und knuddeln viel. Dem Baby geht es auch sehr gut. Ich selbst hatte wohl mehr Angst vor der Verurteilung der anderen Mütter, als der vor meinem Baby. Das finde ich sehr schade.

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